Ernst Barlach: Lesender Klosterschüler

Ernst Barlach (1870–1938), Lesender Klosterschüler,
1930, Holz (Eiche), Höhe: 114,8 cm

Nach eigenem Bekunden sieht sich Barlach in der Tradition mittelalterlicher Bildschnitzer, v.a. Norddeutschlands und des Ostseeraumes. So schreibt er bereits 1909: „Und gotische Holzfiguren sind einfach Offenbarungen für mich.“ Die Figur des Apostel Johannes, um 1430, im Güstrower Dom war Barlach gewiss bekannt, weist sie doch von der kompositorischen Anlage her einen engen ikonografischen Bezug zum Klosterschüler auf. Ernst Barlach gilt als Erneuerer der Holzskulptur im 20. Jahrhundert. Etwa 100 Skulpturen, also fast ein Viertel seines bildhauerischen Werkes, hat er in diesem Material geschaffen. In einer eigenwilligen Technik des Holzschneidens, die sich völlig von der anderer Expressionisten – wie Ernst-Ludwig Kirchner oder Erich Heckel – unterscheidet, arbeitet Barlach in sich ruhende Gewandfiguren aus dem Holzblock heraus, deren zarte Oberflächenbearbeitung eine fast malerische Lichtführung erreicht. Barlach führt seinen Lesenden Klosterschüler 1930 für den Güstrower Fabrikanten Richard van Tongel aus. Ursprünglich ist die Skulptur als figürlicher Aufsatz für einen Grafikschrank gedacht.

Trotz einsetzender Verfolgung Barlachs durch die Nationalsozialisten nach 1933 wird der Lesende Klosterschüler 1934 auf der Weltausstellung in Chicago gezeigt. Heute ist er ein Herzstück in der Güstrower Gertrudenkapelle, seit 1953 Museum für Ernst Barlach. Der Schriftsteller Alfred Andersch veröffentlichte 1957 seinen Roman Sansibar oder der letzte Grund, in dessen Mittelpunkt die Rettung der Figur eines Lesenden über die Ostsee steht. Andersch führt darin Barlachs Lesenden Klosterschüler als eine Schöpfung moderner Bildhauerei in die deutsche Nachkriegsliteratur ein. Jedes Jahr besuchen zahlreiche Schulklassen die gotische Kapelle, um vor Barlachs Originalbildwerk über Anderschs literarische Bearbeitung zu sprechen. Und auch die Schüler fragen sich angesichts dieser in sich gekehrten Figur, was sie denn eigentlich tut: „Was tat er eigentlich? Er las ganz einfach. Er las aufmerksam. Er las genau. Er las sogar in höchster Konzentration. Aber er las kritisch. Er sah aus, als wisse er in jedem Moment, was er da lese. ... Er sieht aus wie einer, der jederzeit das Buch zuklappen kann und aufstehen, um etwas ganz anderes zu tun.“ Diese Autonomie des geistig Unabhängigen war den Nationalsozialisten als "Entartete Kunst" ein Dorn im Auge. Auch die Schöpfer solcher Kunst, wie eben Ernst Barlach, wurden von ihnen als „entartete Künstler“ gebrandmarkt, verfemt und verfolgt.

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Text: V. P.

Das Exponat bezieht sich auf:

Mecklenburg bis 1945

Das Originalexponat finden Sie hier:

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18273 Barlachstadt Güstrow

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14. Oktober 2018 - 24. März 2019
Der Große Krieg im Kleinformat - Graphik- und Medaillenkunst zum Ersten Weltkrieg

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